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31-05-2017

Nach seinem Coming-Out: Ich erhielt Todesdrohungen

Schwuler Ex-Priester Krzysztof Charamsa
Nach seinem Coming-Out: „Ich erhielt Todesdrohungen”

Sein Coming-Out sorgte weltweit für mächtig Wirbel: Krzysztof Charamsa ist der erste Vatikan-Priester, der sich offen zu seiner Homosexualität bekannt hat. Im Interview mit BUNTE.de verrät er, warum er seitdem um sein Leben fürchten muss, seine Geschichte kein Einzelfall ist und wieso er trotzdem immer noch am Katholizismus festhält.

Jahrelang führte er heimlich ein Doppelleben, doch dann fasste er all seinen Mut zusammen – und beichtete sein größtes Geheimnis: Krzysztof Charamsa sorgte im Oktober 2015 mit seinem Coming-Out weltweit für Schlagzeilen. Denn er ist der erste Theologe aus dem Vatikan, der sich ganz offen zu seiner Homosexualität bekannt hat. Die Folge seines ehrlichen Bekenntnisses: Er wurde allen kirchlichen Ämtern enthoben. Doch zum Schweigen bringt das den 45-Jährigen noch lange nicht. Zwei Jahre nach seinem Outing meldet er sich nun mit seinem ersten Buch „Der erste Stein" zurück. Und darin fasst er nicht nur seine außergewöhnliche Geschichte zusammen, er wendet sich auch mit einer bewegenden Botschaft an die Öffentlichkeit.

BUNTE.de: Gab es bereits eine Reaktion seitens des Vatikans auf Ihr Buch?

Krzysztof Charamsa: Es gab keine offizielle Reaktion, aber Schweigen ist auch eine Reaktion - die schlimmste, wenn jemand von seinem Leiden spricht. Es ist die gleichgültige und distanzierte Reaktion der Pharisäer. Meine ehemaligen Kollegen haben Angst, sich mit der Realität auseinanderzusetzen.Ich freue mich aber sehr über die vielen positiven Reaktionen von Menschen aus aller Welt, die ich auf mein Buch erhalte. Viele schreiben, dass sie genau das gleiche Leid in der katholischen Kirche erfahren.„Der erste Stein“ ist mein Sieg über das Schweigen.

BUNTE.de: Gibt es extreme Reaktionen, die Ihnen Angst einjagen?

Charamsa: Mehrere Male erhielt ich Drohungen, auch Todesdrohungen, zum Beispiel über Messenger oder Twitter. Menschen, die an Gott glauben, aber andere bedrohen – das ist ein Drama, ein Zeichen für die Degeneration der Religion. Das heißt nichts weiter als Fundamentalismus und Hass. Wahre Religion ist anders. Als Autor und Coach sage ich: Angst ist verboten! Angst lähmt. Nur keine Angst, bitte!

„Die Kirche hat mich gelehrt, mich in meiner Homosexualität zu hassen"

BUNTE.de: Sie haben gesagt, dass Sie von der Institution verfolgt werden.

Charamsa: Die katholische Kirche kann sehr schmerzhaft sein für Menschen, die glauben. Ich glaubte der Kirche in ihren Lehren zur Sexualität. Meine Erfahrung in der Glaubenskongregation war aber, dass die Kirche die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Sexualität gar nicht kennt. Sie weiß nicht, wovon sie spricht, wenn sie von Sexualität redet. Sie kennt die Erfahrungen der Menschen nicht. Die Kirche befördert Konflikte und Leid im sexuellen Leben der Gläubigen.

BUNTE.de: Als sie sich über ihre Sexualität, gab es da Momente, in denen Sie an sich selbst und Ihrem Glauben gezweifelt haben?

Charamsa: Der Glaube an die katholische Lehre hat mich gezwungen, Homosexualität, auch meine eigene, abzulehnen. Die Kirche hat mich gelehrt, mich in meiner Homosexualität zu hassen. Aber für meinen unerschütterlichen Glauben an Gott hat die katholische Kirche keinen Masterplan. Sie wird ihre Position gegenüber Homosexuellen in Zukunft korrigieren müssen.

BUNTE.de: Sie haben Ihre sexuelle Orientierung jahrelang verheimlicht. Wie schwer war das für Sie und wie sehr hat Sie das belastet?

Charamsa: Es war ein psychologisches und spirituelles Gefängnis. Du kannst niemandem sagen, dass du schwul bist. Du hast ein niedriges Selbstbild, kein Selbstwertgefühl, weil du vermeintlich pervers bist, krank in deiner Homosexualität! Bis zum Ende des Lebens muss man, wenn es nach der katholischen Kirche geht, in diesem Bewusstsein leben, mit dieser Scham leben. Ich denke, das ist eine absolute Schizophrenie. Sie bedeutet großes Leid für homosexuelle Menschen. Das Problem ist dabei nicht, Sex zu haben oder nicht. Es ist ein Identitätsproblem.

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Krzysztof Charamsa: Der erste Stein – Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche ; C. Bertelsmann Verlag

„Die Kirche lebt in Heuchelei"

BUNTE.de: Wie haben Sie die Stunden vor Ihrem Coming-Out erlebt? Sind Sie nachts schweißgebadet aufgewacht?

Charamsa: Ja, ich hatte große Angst. Sich als Priester zu outen ist, wie aus dem Gefängnis zu entkommen. Es bedeutet, deinen guten Namen zu verlieren. Aber heute erinnere ich mich nur an den Frieden nach der Befreiung und an die Freude nach dem Coming-out.

BUNTE.de: Wie hat Ihr Partner auf Ihre Coming-Out-Pläne reagiert, als er davon erfahren hat?

Charamsa: Mein Partner Eduard war die Person, die mir von dem Moment an, als wir uns verliebten, zur Seite stand. Die Entscheidung für das Coming-Out haben wir gemeinsam getroffen. Wir beide lehnen die verborgenen Beziehungen, die Priester oft haben, ab. Priester brauchen Mut öffentlich zu sagen, dass sie verliebt sind. Der Mut der Priester, zu ihrer homo- oder heterosexuellen Liebe zu stehen, wird die Kirche ändern. Jetzt lebt die Kirche in Heuchelei. Mein Partner und ich stehen offen zu unserer Liebe. Die Offenheit ist es, die das kirchliche System aufwecken wird.

BUNTE.de: Wie schmerzhaft war es für Sie von der Kirche abgelehnt zu werden, obwohl Sie sich jahrelang aufgeopfert haben?

Charamsa: Ja, es ist schmerzhaft. Aber ein reines Gewissens, Freiheit, Würde, Selbstakzeptanz sind auf der anderen Seite ein großer Gewinn. Ich leide zwar an der selbstgerechten Haltung der Kirche, die mich nicht versteht. Aber Hermann Hesse sagte, dass unsere dunkelsten Stunden nicht unsere Würde wegnehmen können, sondern uns nur reifer werden lassen. Heute lebe ich in Frieden, ohne Schmerz.

BUNTE.de: Warum halten Sie am Katholizismus fest?

Charamsa: Die katholische Kirche ist meine Familie, meine Gemeinde. Heute arbeite ich daran, dass der Katholizismus zum Christentum zurückkehrt. Wir müssen die Menschen verstehen, um Christen zu sein. Wenn wir Gott suchen, müssen wir zuerst den Menschen finden.

„Viele homosexuelle Priester leiden!"

BUNTE.de: Was läuft schief und was muss sich ändern?

Charamsa: Die Kirche muss die Frauenfeindlichkeit und Homophobie überwinden. Sie muss die Würde der Frauen im Priestertum akzeptieren. Das Frauenpriestertum ist ein Menschenrecht. Sie muss die Liebe aller Menschen, egal ob hetero-, homo- oder transsexuell, gleichermaßen akzeptieren. Sie muss die menschliche Liebe der Priester bejahen. Wir können viel von Martin Luther 500 Jahre nach der Reformation lernen. Die Kirche muss immer in der Reformation, im Wandel, sein. Unser Leben ist jeden Tag im Wandel. Habt keine Angst vor Entwicklung!

BUNTE.de: Was schätzen Sie, wie viele katholische Geistliche leben ihre Sexualität hinter verschlossenen Türen auch aus?

Charamsa: Viele homosexuelle Priester leiden. Viele sind sich nicht bewusst, dass sie homosexuell sind, sie hinterfragen ihre sexuellen Bedürfnisse nicht. Andere haben gelegentlich Sex oder sind in festen Beziehungen mit einem Partner. Das Problem ist, dass viele von ihnen zugleich homophob sind. Sie hassen sich selbst und projizieren diesen Hass auf andere. Homosexuelle Priester, die ihre Sexualität verbergen, sind mitverantwortlich für die Stagnation der Kirche.

BUNTE.de: Warum ist es Ihnen ein Anliegen mit der Kirche in aller Öffentlichkeit „abzurechnen“?

Charamsa: Mein Buch ist keine Abrechnung, sondern meine ganz persönliche Geschichte. Ich wünsche allen Lesern die gleiche Erfahrung der Befreiung, Frieden, Glück. „Der erste Stein“ ist das Zeugnis dieser Befreiung - nach einem inneren, sehr leidenschaftlichen Kampf. Diese Befreiung ist möglich, selbst wenn es zunächst unmöglich erscheint.

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